• arno dohmen - indischer genisser3

Auch in der Analyse darf es manchmal blitzen.
Hier finden sich sprachspielerische Miniaturen – kleine Beobachtungen, satirische Skizzen und Geschichten mit einem Augenzwinkern.
Sie sind nicht als Forschung gedacht, aber vielleicht als Erinnerung daran, dass Denken ohne Humor selten glänzt.

Opel-Maharaja

Nicht ohne Grund hatte der Opel-Konzern in Rüsselsheim Herrn Kaiser für die Position des Chefentwicklers ausgewählt. Schon seit seiner Kindheit begeisterte sich Herr Kaiser für Technik und Autos. Nun hatte der Konzern ihn dazu beauftragt, ein kompetentes Team von Technikern und Experten aufzubauen. Mit der Entwicklung eines neuen und innovativen Modells sollte der Markteinstieg für Opel in Indien gewährleistet und die Konkurrenz geschlagen werden.
In Kooperation mit der Personalabteilung wurde ein kompetentes Team zusammengestellt. Dabei war vor allem die technische Leitung des Projekts von hoher Wichtigkeit. Technischer Sachverstand, die Fähigkeit ein Team zu leiten, Innovationskraft sowie die Berücksichtigung von kundenspezifischen Präferenzen der indischen Mittelschicht waren nur einige Kernkompetenzen, mit der die technische Leitung zwingend ausgestattet sein musste. Nach eingehender Prüfung und Abwägung stellte sich Herr König als die beste Wahl heraus.
Wöchentlich und in langen Meetings ließ sich Herr Kaiser von Herrn König über die Entwicklungen des neuen Konzeptfahrzeugs berichten. Herr Kaiser war dabei grundsätzlich sehr zufrieden und zuversichtlich. Allem Anschein nach hatte Herr König die Lage bestens im Griff, und die Fortschritte am Konzeptfahrzeug machten unter seiner Führung von Woche zu Woche beachtliche Fortschritte.
Herr Kaiser war auch daher zuversichtlich, dass es Herrn König gelingen würde, den Termin für die feierliche Präsentation des Konzeptfahrzeugs einzuhalten. Dabei war es üblich, dass die ganze Chefetage in dem eigens dafür vorgesehenen Showroom zusammenkam, und man im feierlichen Ambiente und höchst förmlich auf das zukünftige Model anstieß.
Herr König versicherte Herrn Kaiser, dass wirklich alles nach Plan laufen würde. Die Form des Konzeptfahrzeugs sei schließlich schon im höchsten Maße ästhetisch, innovativ und technisch ausgeklügelt. Lediglich ein Feintuning in Bezug auf das neue Emblem, das extra für dieses Modell entworfen werden würde, sowie hinsichtlich der Festlegung des Namens des neuen Modells habe sich Herr König noch nicht endgültig festgelegt. Herr König werde dies jedoch persönlich in die Hand nehmen, und er habe bereits eine engere Auswahl an Emblemen und Namen getroffen. Zum feierlichen Anlass wolle Herr König nicht nur Herrn Kaiser, sondern die ganze Chefetage des Konzerns mit seinen Ergebnissen begeistern wollen.
Herr Kaiser hegte keinen Zweifel, denn Herr König hatte immer gute Arbeit geleistet, und Herr Kaiser war eben ein Topmanager, der Sachlagen und Entwicklungen einschätzen konnte. Der Handschlag zwischen Herrn Kaiser und Herrn König zählte.
Lange hatte sich der große Tag angebahnt und nun endlich wurde Herr Kaiser von Herrn König in seinem Büro abgeholt. Herr König begrüßte Herrn Kaiser förmlich, und berichtete, dass dies ein ganz besonderer Tag seiner Karriere darstellen würde. Das Konzeptfahrzeug wäre optimal auf die Kundenbedürfnisse ausgerichtet, und würde mit Sicherheit die Konkurrenz aus dem Ruder schlagen. Dazu würden vor allem der offizielle Name des Modells und das extra darauf abgestimmte Emblem sorgen. Herr König habe sich eben etwas ganz Besonderes für die indische Mittelschicht einfallen lassen. Tatsächlich würde es sich dabei um eine Symbiose handeln, bei der der Name des Modells und das Emblem exakt aufeinander abgestimmt wären. Herr König könne es kaum erwarten, gemeinsam mit Herrn Kaiser und dem Rest der Chefetage den Showroom zu betreten.
Dort angekommen bestand Herr König darauf, bereits anzustoßen, bevor sich die Tür des Showrooms öffnen würde. Herr König informierte, dass man einen langen Weg harter Arbeit hinter sich habe, die Mühen sich jedoch gelohnt hätten.
Dann endlich öffnete sich die Tür des Showrooms. Sichtbar wurde ein imposantes Modell, unter einem weißen Leinentuch, auf rotem Teppich, angestrahlt mit grellen Scheinwerfern, bei ausgewählter feierlicher Musik. Auf dem Höhepunkt des feierlichen Musikstücks verschwand das Leinentuch ruckartig. Ein freier Blick auf das neue Konzeptfahrzeug.
Das neu entworfene Emblem war äußerst markant, hatte ein Alleinstellungsmerkmal und war sofort im Blick des Betrachters. 
 Doch wie war dieses neue Markenzeichen zu interpretieren?
Sowohl von vorne rechts als auch von vorne links wandten sich aus der Motorhaube heraus ästhetisch-künstlerisch designte Neonröhre in der Form von Elefantenrüsseln. Exakt in der Mitte der Motorhaube und bei geschätzten 50 Zentimetern über der Motorhaube trafen sich die beiden Elefantenrüssel, um sich dann eng miteinander zu verflechten. Vor dem Konzeptfahrzeug war der Name des neuen Modells auf einem extra angefertigten Schild in feinen Buchstaben gedruckt worden: Opel-Maharadscha.
Herr Kaiser fragte Herrn König vor der versammelten Chefetage: „Herr König, sind Sie wirklich sicher, dass der Konzern schon fit und kompetent für den indischen Markt ist, bloß weil wir aus Rüsselsheim kommen?“

Angewöhnte Sitzhaltung

Als die Geschäftsleitung Herrn Anpasser hinsichtlich seines anstehenden Auftrags in Indien unterrichtete, hatte Herr Anpasser zunächst noch Vorbehalte und Sorgen geäußert. Die Geschäftsleitung war jedoch fest davon überzeugt, dass Herr Anpasser der optimale Mitarbeiter zur Erfüllung des Auftrags in Indien wäre. Glücklicherweise bestätigten sich dann aber vor Ort die Vorbehalte und Sorgen von Herrn Anpasser nicht. Ganz im Gegenteil: Herr Anpasser fühlte sich tatsächlich vom ersten Augenblick an wohl in Indien. Das Klima und die freundlichen Menschen belebten ihn. Er schloss schnell Freundschaften im Kollegium und in der Nachbarschaft, und von Anfang an mundete ihm das lokale Essen mit den vielen exotischen Gewürzen. Auch in lokaler Kleidung fühlte Herr Anpasser sich wohl, und schon nach kurzer Zeit verständigte sich Herr Anpasser sogar in der lokalen Sprache. Am Wochenende ging Herr Anpasser gerne ins Kino, aber auch die Theater, die Konzerthäuser und die Märkte faszinierten ihn. Die Kultur und Gesellschaft Indiens hatten ihm viel zu bieten.
Herr Anpasser praktizierte auch morgens und abends Yoga, und saß, wie viele seiner Kollegen, sowohl privat als auch beruflich, oft, gerne und lange, im Schneidersitz. In dieser Sitzhaltung war Herr Anpasser in vielerlei Hinsicht versonnen und fröhlich, und letztendlich hatte der Aufenthalt in Indien auch noch alle seine Erwartungen übertroffen. Gerne wäre Herr Anpasser noch in Indien geblieben, doch das ließen die Pläne des Unternehmens nicht zu. Herr Anpasser wurde eben jetzt wieder in Deutschland gebraucht, und so hatte Herr Anpasser an diesem verregneten Montagmorgen auch wieder seinen Dienst in Deutschland angetreten.
Eigentlich schien dabei zunächst alles so wie vor seiner Abreise. Der Chef kündigte sich für gewöhnlich an, wenn er mit Herrn Anpasser reden wollte, und montags gab es dazu im Regelfall keinen Anlass. Der Chef war montags meist im Homeoffice oder bereits auf Dienstreise. Herr Anpasser ging dementsprechend seinen gewohnten Tätigkeiten nach.
Doch an diesem Montagmorgen war eben alles anders, denn plötzlich und unerwartet stand der Chef neben Herrn Anpasser. Sonst wäre das wohl kein Problem gewesen, doch an diesem Montagmorgen saß Herr Anpasser eben wie selbstverständlich im Schneidersitz auf seinem Bürostuhl, versonnen und fröhlich. Herr Anpasser staunte dann wirklich nicht schlecht, als der Chef tatsächlich und aus vollem Hals die angenehme Stille brach: „Mein lieber Herr Anpasser, setzen Sie sich jetzt aber bitte wieder ordentlich hin. Sie sollten sich bitte jetzt langsam daran erinnern, dass sie wieder zu Hause in Deutschland sind!“

Modepüppchen

Jaqueline interessierte sich für Mode und arbeite in einem der bekannten Bekleidungsdiscounter. Da sie nun schon viele Jahre bei ihrem Unternehmen tätig war, suchte sie aktuell intensiv nach einer neuen Stelle. Jaqueline brauchte neue berufliche Herausforderungen, die auch mit einem höheren Gehalt einhergehen sollten. Ihre Vorstellungen für Mode waren bei dem aktuellen Gehalt kaum zu realisieren. Sowohl intern als auch extern hatte sie sich in der Vergangenheit oft beworben, doch jedes Mal erhielt sie eine Absage.
Nun endlich erblickte Jaqueline beim Shoppen die vielversprechende Anzeige im Schaufenster der Konkurrenz: Sales-Manager (m/w/d).
Gesucht wurden Mitarbeiter, die die Umsätze des Bekleidungsdiscounters steigern sollten. Dazu gehörte auch die Erschließung von spezifischen Kundenschichten, die grundsätzlich kritische Fragen stellten, und letztendlich den Laden, ohne Ware, wieder verließen. Jaqueline holte ihr Handy aus der Handtasche und schoss ein Foto der Anzeige. Zu Hause angekommen aktualisierte sie höchst konzentriert die Bewerbung, die auch zum Erfolg bei ihrem aktuellen Arbeitgeber geführt hatte.
Als sie schon nach wenigen Tagen eine Einladung zum Vorstellungsgespräch in ihrem Briefkasten hatte, platzte Jaqueline vor Freude.
Im perfekten Businessstil erschien sie zum Vorstellungsgespräch, und mit Leichtigkeit gelang es ihr, die Vertriebsleitung, Herrn Schick, beim Vorstellungsgespräch zu überzeugen. Herr Schick berichtete, dass sie gute und vielversprechende Aussichten für die lukrative Position „Sales-Manager“ haben würde. Allerdings werde der Bekleidungsdiscounter Ende des Monats noch ein weiteres Auswahlverfahren durchführen. Aufgrund der Komplexität der Position, müsse das Unternehmen die Bewerber nochmals an einem Vormittag prüfen, um dann die wirklich besten und qualifiziertesten Kandidaten selektieren zu können. Zu diesem Anlass würde man jedoch nicht mehr formal und steif wie heute an einem Gesprächstisch sitzen, sondern, man würde ganz locker und informal in den Räumen des Bekleidungsdiscounters Rollenspiele, Übungen, Tests und Befragungen durchführen. Jaqueline verstand zwar nicht augenblicklich was sich hinter diesem Prozedere verbergen sollte, doch bestätigte felsenfest ihre Teilnahme an dem Verfahren.
Doch was sollte Jaqueline an diesem alles entscheidenden Tag anziehen? Und wie würde es ihr gelingen, bis zu diesem Tag auch noch das letzte Stück Fett an der Kniescheibe wegzutrainieren? Und wie sollte sich Jaqueline auf dieses Auswahlverfahren überhaupt vorbereiten?
Täglich studierte Jaqueline die neuesten Modewebseiten und Zeitschriften, und auch am Wochenende verbrachte sie deutlich mehr Zeit in den Modeläden. Zudem ließ sie sich professionell beraten, wie sich ihr Gewicht bis zum alles entscheidenden Tag reduzieren lassen wird, und Jaqueline setzte sogar anschließend ein striktes Fitnessprogramm um. „Ohne Fleiß kein Preis“ klang es ständig in ihren Gedanken.
Letztendlich entschied sich Jaqueline dann für den neuesten Schrei von MCM. Schließlich galt gleichzeitig die Devise „Kleider machen Leute“. Hochpreisig und elegant sollte ihr Outfit sein. Sie entschied sich für ein elegantes schwarzes Kleid aus leichtem Baumwollcrêpe mit Meshlage sowie für ein Paar atemberaubende Plateauschuhe aus silberfarbenem Leder im Disco-Stil. Auch die Fingernägel ließ sie aufwendig und mit viel Glitzer frisieren und ihr Friseurtermin war mit 4,5 Stunden vor dem Auswahlverfahren perfekt getimt. Die Frisur saß.
Das alles entscheidende Auswahlverfahren fand an einem Samstag morgen statt, und die auserwählten Kandidaten hatten sich bereits nervös und aufgehübscht in der Eingangshalle des Discounters versammelt. Den Vertriebsleiter, Herrn Schick, erkannte Jaqueline sofort wieder. Das war ein gutes Zeichen. Sie blinzelte ihm freundlich zu und grüßte ihn laut mit: „Guten Tag Herr Schick! Sie sind ja auch da!“
Das Auswahlverfahren begann, und Jaqueline sollte sich zunächst etwas Abseits und an der Wand auf einen Stuhl setzen. Dabei sollte sie die anderen Kandidaten beobachten, um anschließend ein qualifiziertes Feedback hinsichtlich deren Antworten auf Fragen sowie Verhalten und Reaktionen abzugeben. Jaqueline nahm also zunächst einwandfrei und vollkommen fehlerfrei Platz.
Kurz später bat Herr Schick dann Jaqueline nach vorne zu treten. Gleich würden die anderen Kandidaten Jaqueline beobachten, um sie dann später zu bewerten. Jaqueline war zwar etwas aufgeregt, doch bevor sie sich erhob, um an dem Prozedere teilzunehmen, bat sie Herrn Schick sehr direkt einen letzten und ganz kurzen Blick in ihren kleinen Taschenspiegel werfen zu dürfen. Herr Schick stimmte dem zu und sowohl Jaqueline als auch Herr Schick waren zufrieden mit dem aktuellen Look von Jaqueline. Sie hatte eine gute Auswahl getroffen.
Tatsächlich kamen Herrn Schick zu diesem Zeitpunkt die bekannten Zeilen „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Land?“ in den Sinn. Doch das war sicherlich der falsche Zeitpunkt, um über so etwas nachzudenken. Das würde er nach dem Auswahlverfahren mit seinem Chef und seinen Kollegen beim Bier besprechen. Jetzt musste er sich konzentrieren und Herr Schick versank ganz in seiner professionellen Rolle und bat Jaqueline ihren Namen zu nennen und sich kurz vorzustellen.
Die Nennung des Namens fiel Jaqueline nun wirklich nicht schwer, aber bei der Vorstellung war sie dann doch ganz aufgeregt, und sie hatte Schwierigkeiten, einen vollständigen und zusammenhängenden Satz zu formulieren.
Herr Schick kannte sich allerdings aus, und wusste selbstverständlich auch über die typische Aufregung in so einer anstrengenden Situation Bescheid. Es gelang Herrn Schick die richtigen Worte zu finden, und Jaqueline zu beruhigen.
Jaqueline fühlte sich rasch wieder wohl und sicher, und Herr Schick versicherte, dass sie bisher wirklich alles sehr gut gemacht habe, und dass sie sich wirklich keine Sorgen machen sollte. Herr Schick beruhigte: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“ Jaqueline habe tatsächlich bislang alle Hürden problemlos bestanden und jetzt sollte sie lediglich einen letzten und spontanen Kommentar abgeben. Das würde sie auch noch schaffen, davon wäre Herr Schick fest überzeugt. Jaqueline solle sich bitte einfach vorstellen, dass Herr Schick ein kritischer Kunde wäre, der Jaqueline plötzlich in ihrem Dienst ansprechen würde.
Herr Schick griff nach einen feinen roten Baumwollschal, der extra für diese Übung auf dem dort platzierten Rollwagen lag. Mit dem Schal in der Hand ahmte Herr Schick dann hämisch den kritischen Kunden nach: „So so. Dieser feine Schal wurde also tatsächlich von einem siebenjährigen Jungen in Bangladesch gefertigt?“
Herr Schick hatte alle seine Hoffnung auf Jaqueline gesetzt, die jetzt auch schlagfertig antwortete: „Äh ja, aber dafür sieht er doch wohl schick aus, Herr Schick! Soll ich meinen Chef mal fragen, ob ich Ihnen darauf einen Rabatt anbieten darf?“
Aus irgendeinem Grund bewertete Herr Schick die Antwort als nicht optimal, aber da Jaqueline ansonsten das Auswahlverfahren so fein durchlaufen hatte, war es Herrn Schick doch wichtig seinen Chef von der Kompetenz von Jaqueline zu überzeugen. Schließlich sei noch kein Meister vom Himmel gefallen. Herr Schick würde Jaqueline ein ganz spezielles Training zukommen lassen und sie würde dabei sicherlich vieles von ihm lernen können. Der Chef stimmte zu, bestand aber darauf, dass Herr Schick vor allem eins vermitteln müsse: Lehrjahre sind keine Herrenjahre.

Gestik und Sprache

Herr Lingui liebte die Beschäftigung mit Sprachen und als vergleichender Sprachanalyst war er neuerdings auf ein interessantes Phänomen in seiner Muttersprache gestoßen, dessen Ursprung und Ursache sich sicherlich nicht so einfach ergründen lassen würde.
Herr Lingui hatte beobachtet, dass die Anführungszeichen in der gesprochenen deutschen Sprache häufig gestikuliert werden. Dabei hatte er beobachtet, dass der deutsche Sprecher dann den Begriff, den er in Anführungszeichen setzte, aussprach, während dieser dabei gleichzeitig die Ellenbogen beider Hände anwinkelte, und die Hände auf Brusthöhe neben dem Körper hielt. Zudem ging diese Ellenbogenhaltung dann auch immer zeitgleich mit einer weiteren Gestikulation einher. Dabei wurden grundsätzlich zweimal und synchron die Zeige- und Mittelfinger beider Hände gebeugt und wieder gelockert. Mimik, Gestik und Sprache waren bei der Nutzung von Anführungszeichen in der gesprochenen deutschen Sprache also ganz offensichtlich aufeinander abgestimmt.
Was hatte es mit diesem Phänomen auf sich? In Deutschland käme doch auch niemand auf die Idee, in der gesprochenen Sprache ein Fragezeichen, ein Ausrufezeichen oder gar ein Punkt entsprechend zu gestikulieren. Warum mussten in der deutschen Sprache dann die Anführungszeichen gestikuliert werden?
Nach langem und intensivem Nachdenken war Herr Lingui zu dem Entschluss gekommen, dass die Ursache für dieses Phänomen wohl schwer zu ermitteln sei, und dass sich dieses Phänomen wohl mittlerweile so fest in der deutschen Sprache verankert habe, dass diese Gestik mit einer Routine einhergehen würde, die man nicht mehr hinterfragen würde. Einen tieferen Sinn für dieses Phänomen würde es aber wohl kaum geben.
Als sich Herr Lingui im Folgenden jedoch wieder seiner vergleichenden Forschung widmete, und mit diversen südasiatischen und originalsprachlichen Texten arbeitete, stellte Herr Lingui fest, dass Anführungszeichen auch in südasiatischen Sprachen verwendet werden! Herr Lingui war sich sicher, dass dies eine große Chance für ihn und seine Arbeit bieten würde.
Herr Lingui überlegte, ob die Gestikulation von Anführungszeichen, wie sie in der deutschen Sprache praktizierte wurde, wohl auch in den verschiedenen südasiatischen Sprachen praktiziert werden würde. Herr Lingui vermutete jedoch, dass dies nicht der Fall sein würde, da es seiner Meinung nach in der deutschen Sprache eben keinen tieferen Sinn für dieses Phänomen geben würde. Warum sollte man es dann in Südasien praktizieren?
Herr Lingui beschloss der Sache intensiver auf den Grund zu gehen. Er beschloss in verschiedene Länder Südasiens zu reisen und eine empirische Studie durchzuführen. Doch tatsächlich hatte Herr Lingui heimlich sogar einen weiteren und noch tiefergreifenden Entschluss gefasst: Wenn es dieses Phänomen in Südasien bislang nicht geben würde, wovon man ausgehen konnte, dann würde Herr Lingui es einführen! So viel stand fest. Und falls die Gestikulation der Anführungszeichen in einigen südasiatischen Sprachen doch schon praktiziert werden würde, dann würde Herr Lingui sie zumindest in den Sprachen einführen, in denen dies momentan noch nicht der Fall ist. Sollte er jedoch widererwarten feststellen, dass die Anführungszeichen doch bereits in allen südasiatischen Sprachen gestikuliert werden, dann würde er sich um die Einführung der Gestikulation der Fragezeichen in Südasien kümmern.

Berufskrankheit

Herr Lingui liebte die Beschäftigung mit Sprachen. Als vergleichender Sprachanalyst beschäftigte sich Herr Lingui nun neuerdings auch mit Palindromen, also Begriffe oder Sätze, die von links nach rechts und von rechts nach links gelesen werden können und dabei identisch sind. Herr Lingui notierte:

Deutsch: Trug Tim eine so helle Hose nie mit Gurt?
Englisch: Was it a car or a cat I saw?
Französisch: Bon sport, trop snob.
Hindi: नवजीवन
Malayalam: Malayalam

Aus seinen Beispielen leitete Herr Lingui folgende Erkenntnis und Forschungsfrage ab: Bei der Sprache Malayalam handelt es sich um ein Palindrom. Weist die Sprache Malayalam deshalb mehr Palindrome auf als die anderen untersuchten Sprachen?
Doch das Nachdenken über die derartige Forschungsfrage und die Beispiele lösten auch Ängste bei Herrn Lingui aus. Wie würde sich die Forschungsfrage beantworten lassen? Waren die Beispiele gut gewählt und vergleichbar?
Herr Lingui befürchtete, dass er keine Antwort auf die Frage finden würde, und seine Ängste spitzten sich zu. Palindrome bereiteten ihm zunehmend Angst. Nur wenige Wochen später attestierten die Fachärzte Herrn Lingui dann tatsächlich eine schwere Form der Eibohphobie. Laut den Fachärzten wäre es Herrn Lingui zukünftig nicht mehr möglich, seinen Beruf auszuüben. Das schwere Krankheitsbild würde unweigerlich zu einer gravierenden Statusänderung bei Herrn Lingui führen: Rentner.
Doch Herr Lingui dürfe aufgrund seiner Krankheit auf gar keinen Fall über den Begriff „Rentner“ nachdenken. Laut den Ärzten könnte das Nachdenken über den Begriff sein Krankheitsbild verschlechtern.

Nicht von Anfang an gemerkelt

Sie war bekannt dafür, dass sie nicht nur clever und reflektiert war, sondern auch dafür, dass sie fähig war, sich in andere Kulturen und Wertesystemen einzudenken. Faktoren, die von hoher Wichtigkeit für die täglichen diplomatischen Gespräche waren.
Nach der Landung in Delhi verabschiedete sich der Pilot der deutschen Regierungsmaschine wie so oft persönlich bei ihr: „Frau Merkel, ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre Gespräche. Man wird sie bestimmt wie eine Heilige in Indien behandeln!“
Trotz ihres angehäuften Wissens hinsichtlich der Kultur Indiens, konnte Frau Merkel die Aussage des Piloten nicht exakt einordnen. Sie wusste von all ihren Schattenseiten und eigentlich gab es überhaupt keinen Grund, sie als heilige zu bezeichnen oder gar zu behandeln. Ihrer Meinung nach könnte die Aussage eventuell eine persönliche Beleidigung des Piloten darstellen, doch dafür gab es keinen ersichtlichen Anlass, und sie hatte in der Vergangenheit auch immer ein gutes und freundliches Verhältnis mit dem Piloten gepflegt. Der Termindruck ließ aber weder eine Nachfrage, noch eine intensivere Diskussion mit dem Piloten zu. Sie wusste, dass sie ihn zum späteren Zeitpunkt wiedersehen würde, und dann würde sie in jedem Fall nachfragen, wie die Aussage denn bitte zu verstehen sei.
Doch unerwarteter Weise musste Frau Merkel auch während der sich anschließenden diplomatischen Gespräche mit ihren indischen Amtskollegen immer wieder an die Aussage des Piloten denken. Was wollte der Pilot mit dieser Aussage sagen? Litt sie eventuell unter einer akuten Wahrnehmungsstörung?
Dieser Sachverhalt musste unverzüglich geprüft werden. Dafür waren sowohl eine geistige als auch eine physische Prüfung notwendig. Frau Merkel bat darum, die diplomatischen Gespräche für einen kurzen Moment zu unterbrechen. Eine dringende Prüfung von hoher Wichtigkeit müsste unverzüglich vorgenommen werden.
Eingeschlossen auf der Toilette begann sie zunächst mit der geistigen Prüfung des Sachverhalts. Die war schnell abgeschlossen, denn es fielen ihr augenblicklich zahlreiche Handlungen ein, bei denen sie sich in der Vergangenheit nicht ethisch und moralisch korrekt verhalten hatte. Sie war also keine Heilige.
Es folgte die physische Prüfung. Dabei kratzte sie sich den Kopf und schlug sich zur Überprüfung der Sensibilität mehrmals fest mit den Fäusten auf die Gliedmaßen und ins Gesicht. Reaktionsvermögen, Sensibilität und Gefühle waren eindeutig da. Daran bestand kein Zweifel. Sie war beruhigt, und fühlte sich auch wieder wohl und sicher in ihrer Haut. Sie hatte ihr Urteil gefällt, und konnte jetzt auch wieder konzentriert zurück an den Gesprächstisch kehren. Der Pilot war eindeutig im Unrecht. Sie war keine Heilige. Und schon gar keine Kuh!

Schlechte Aussichten

Herr Wurstel war Meeresbiologe und hatte sich auf die Messung von Wasserqualität spezialisiert. Nun wünschte eine renommierte Forschungsabteilung in Indien, die mit Herrn Wurstels Unternehmen kooperierte, die Expertise von Herrn Wurstel, um die Wasserqualität der Stadt Varanasi im Norden Indiens zu bewerten.
Da Herr Wurstel sich zuvor weder mit Indien noch mit der Wasserqualität von Flüssen beschäftigt hatte, war eine sorgfältige Vorbereitung notwendig. Herr Wurstel beschäftigte sich nun also unter anderem auch mit geografischen Faktoren Indiens sowie mit der Tierwelt in Flüssen.
Schließlich betrat Herr Wurstel am Assi-Ghat in Varanasi den Ganges, wobei er von zahlreichen neugierigen Blicken von beiden Seiten des Ufers beäugt wurde.
Und dann das: Herr Wurstel musste akut seinen Darm entleeren. In letzter Zeit war es immer wieder vorgekommen, dass ihm der Druck im Magen urplötzlich Probleme bereitete. Er musste dann blitzschnell eine Toilette aufsuchen, und beinahe hätte es auch Vorfälle gegeben, die auch böse in die Hose hätten gehen können.
Doch was jetzt? Bis zu den Knien stand Herr Wurstel mit seinen Messinstrumenten im Wasser, und die freundlichen und neugierigen Blicke der lokalen Bevölkerung auf beiden Seiten des Ufers waren auf ihn gerichtet. Ein älterer Herr winkte ihm freundlich zu, ein kleiner Junge rief: „Hallo Onkel!“
Herr Wurstel verließ sofort den Fluß und versuchte sich die Problematik nicht anmerken zu lassen. Suchend nach der nächsten Toilette schweifte sein unruhiger Blick umher. Herr Wurstel ahnte bereits, dass die Situation diesmal schlecht für ihn ausgehen könnte. Sein Magen wurde unruhiger und der Schließmuskel war nur noch schwer zu kontrollieren. Herr Wurstel brauchte jetzt wirklich ganz dringend eine Toilette.
Dann endlich sah Herr Wurstel das entscheidende aber nichts Gutes verheißende Richtungsschild in Form eines gelben Pfeiles. Herr Wurstel las die gut sichtbaren schwarzen Buchstaben auf dem richtungsweisenden Schild: Toiletten am Ende des Ganges.
Aufgrund seines geografischen Wissens, wußte Herr Wurstel, dass die Situation diesmal schlecht für ihn ausgehen würde.

Generationenkonflikt

In den heiligen Schriften konnte stehen was wollte, und die Leute konnten genauso reden was sie wollten. Herr Singh war aber ein rationaler Mensch und er glaubte eben nicht an Wiedergeburt.
Auch heute saßen Herr Singh und sein Sohn Raju wieder zusammen und diskutierten. Raju war zwar erst zehn Jahre alt, doch vielseitig interessiert, begabt, neugierig und argumentationsstark. Schon oft war es Raju gelungen, die starre Meinung seines Vaters durch Argumente zu ändern. Doch beim Thema Wiedergeburt konnte Raju argumentieren wie er wollte. Selbst die stärksten und besten Argumente, die Raju vorbrachte, konnten Herrn Singh nicht überzeugen. Letztendlich gab sich Raju geschlagen. Sein Vater war eben in dieser Angelegenheit halsstarrig, nicht zu überzeugen, und werde wohl seine eigenen Erfahrungen machen müssen.
Tatsächlich war Raju in dieser Hinsicht allerdings weitaus erfahrener als sein Vater, und so entschied er sich, die Diskussion mit einem Vergleich zu beenden: „Ach Vater, als ich in Deinem Alter war, habe ich auch noch nicht an Wiedergeburt geglaubt.“